Finanzmarktkrise und die individuelle Psyche – Scham und Schuldvorwürfe helfen nicht weiter

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FINANZTIPPS

foto_kraemer.jpgHunderttausende Anleger haben sich von den Versprechungen ihrer Bankberater verführen lassen: Jahrelang Abgespartes sollte sich an der Börse schnell vermehren. Durch „Wetten auf die Zukunft“ haben sie große finanzielle Verluste erlitten. Jetzt wird ... [Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Michael Krämer, Fachhochschule Münster] Psychologische Tipps für Verlierer am Finanzmarkt [Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Michael Krämer, Fachhochschule Münster]


Köln: Hunderttausende Anleger haben sich von den Versprechungen ihrer Bankberater verführen lassen: Jahrelang Abgespartes sollte sich an der Börse schnell vermehren. Durch „Wetten auf die Zukunft“ haben sie große finanzielle Verluste erlitten. Jetzt wird an ihr Durchhaltevermögen appelliert, bis die Kurse wieder steigen. Manche werden selbst dann leer ausgehen, weil die gekauften Papiere wertlos geworden sind. Wer vorher sein Geld braucht, hat das Nachsehen.

Viele Betroffene reagieren mit Scham und Schuldvorwürfen, Wut und Verzweiflung, Resignation oder gar Depression. Die Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie, europaweit einer der größten Fachverbände für Psychotherapie und Beratung, hat für die Betroffenen einige Tipps zusammengestellt, die den persönlichen Umgang mit den erlittenen Verlusten erleichtern können.

foto_kraemer.jpg"Richten Sie den Ärger nicht nur gegen sich. Überwinden Sie Ihre Scham und sprechen Sie mit Vertrauten darüber. Das ist der erste Schritt", rät Michael Krämer, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Fachhochschule Münster und Bankkaufmann. Das Tabu, über Geldfragen nicht zu reden, müsse aufgebrochen werden. „Seien Sie nachsichtig mit sich, denn Selbstvorwürfe helfen weder der Psyche noch dem Portemonnaie – aber nutzen Sie die in der Wut gefangene Energie zum Handeln, um Fehler nicht zu wiederholen“. Nach dem ersten Schock ist es wichtig, nüchtern Bilanz zu ziehen: auf psychologischer wie auf wirtschaftlicher Ebene.

Zur Auseinandersetzung mit sich selbst gehören auch unangenehme Fragen wie
  • War ich zu gierig?
  • War ich zu leichtgläubig? Habe ich mich geschämt, intensiv nachzufragen? Wollte ich nicht als Dummkopf dastehen?
  • Habe ich mich unter Druck setzen lassen?
  • Habe ich die Hinweise auf mögliche Risiken einfach überhört?  
Zur wirtschaftlichen Ebene gehört die Auseinandersetzung mit Fragen wie:
  • Wollte ich mit "den Großen" mithalten und möglichst schnell viel verdienen?
  • Welche Informationen über Geldgeschäfte fehlen mir?
  • Auf welchen Teil meines Ersparten kann ich im Fall der Fälle verzichten?
      
Ehrlichkeit mit sich selbst

Lernen aus Erfahrung könne, so Michael Krämer, weiterhelfen. Das Börsenparkett war vor noch nicht langer Zeit weiten Teilen der deutschen Bevölkerung fremd. Banken galten als "Hort der Seriosität" und die Rente als sicher. Heute soll sich der Kleinanleger den gewünschten Lebensstandard im Alter an der Börse verdienen. Dass die Chance, hohe Renditen zu erzielen, mit dem Risiko deutlicher Verluste einhergeht, wird nur "im Kleingedruckten" erwähnt.

Kriminelle Machenschaften

Wer schonungslos seine Fehler analysiere und aus der Finanzmarktkrise lerne, sei für die Zukunft besser gerüstet und habe erste erfolgreiche Schritte zur Verarbeitung des Erlebten gemacht. Michael Krämer teilt Margarete Mitscherlichs Auffassung: "Diese Krise ist nichts Schicksalhaftes, sondern allein von Menschen verursacht – sei es durch Dummheit, Faulheit, Schlamperei, durch Ignoranz, Raffgier, kriminelle Machenschaften oder einer Mischung aus all dem".

Was kann der Einzelne tun?
  1. Tauschen Sie sich mit anderen Betroffenen aus. Holen sie sich bei Verbraucherschützern Rat. Diejenigen, die nachweislich durch die Bankpleiten und den Börsencrash in persönliche Not geraten sind, sollten von den Banken als vertrauensbildende Maßnahme unbürokratische Hilfe fordern, selbst wenn die Banken dazu rechtlich nicht verpflichtet sind. Auch den Banken werden schließlich von staatlicher Seite ohne rechtliche Verpflichtung im großen Umfang Hilfsangebote gemacht. Dafür bezahlen die Steuerzahler.
  2. Schließen Sie Wissenslücken in Finanzfragen. Der Umgang mit Geld sollte schon in den Schulen gelehrt werden. Damit würde die Souveränität der Kundinnen und Kunden zu- und die Wahrscheinlichkeit einer Überschuldung vieler Privathaushalte abnehmen.
  3. Bevorzugen Sie sichere Anlagen, besonders wenn es um die Altersversorgung geht. Handeln Sie nicht nach dem Prinzip: „Steuern sparen - koste es, was es wolle“. Mit dem Steuersparargument haben sich schon viele Anleger zu riskanten Geldanlagen verführen lassen und es bitter bereut. Wählen Sie Geldanlagen mit hohem Risiko - wenn überhaupt - nur dann, wenn Sie über das Geld längerfristig nicht verfügen müssen. Risiken sollte nur eingehen, wer auch Verluste verkraften kann, ohne in Existenznot zu geraten.
  4. Seien Sie skeptisch, wenn es um hohe Geldsummen geht. Unterschreiben Sie nicht vorschnell. Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen, etwas zu kaufen, was unverständlich und intransparent ist. Auch wenn „Berater“ auf der Visitenkarte steht, sind Bankangestellte und Finanzvermittler zu Verkäufern geworden, die unter hohem Zielerreichungsdruck arbeiten, was zur Folge hat, dass deren eigene über den Kundeninteressen stehen.
  5. Vergleichen Sie gründlich wie beim Kauf von Verbrauchsgütern. Tests werden herangezogen. Bei Geldanlagen mit langer Bindungswirkung wird oft schon im ersten Gespräch unterschrieben. Die mehrfache, explizite Frage nach den mit einer bestimmten Geldanlage verbundenen Kosten und Risiken ist nicht verboten! Wenn darauf ausweichend und oberflächlich reagiert wird, ist dies ein guter Indikator, sich darauf nicht einzulassen. Wie bei anderen Geschäften von hohem Wert sollte auch bei Geldgeschäften nicht spontan gehandelt werden.
  6. Wechseln Sie die Bank, wenn Sie sich schlecht beraten fühlen. Die Treue der Kunden zu „ihrer“ Bank oder Sparkasse ist im Vergleich zu anderen Sparten noch sehr groß.

Prof. Dr. Michael Krämer
Fachhochschule Münster
Fachbereich 08
Corrensstr. 25
48149 Münster
Tel. 0251 8365439 und 0170 7999819 (19 - 21 Uhr)
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Weitere Informationen von Professor Dr. Michael Krämer zum Themengebiet finden Sie unter dem externen Link: http://www.gwg-ev.org


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